8. September – 06. November 2017

Sandra Vásquez de la Horra

Feinnervig und verletzlich, diese Attribute treffen ebenso sehr auf die Bilder von Sandra Vásquez de la Horra zu, wie erbarmungslos, grotesk und verstörend. Es sind Arbeiten auf Papier voll gegensätzlicher Empfindungen. Die Künstlerin macht keine leichte Kunst.

Sandra Vásquez de la Horra wurde 1967 in Chile geboren, in eine Zeit hinein, die von Folter und Verfolgung unter dem Pinochet Regime gebrandmarkt war. Doch zum kulturellen Erbe der Künstlerin kommen auch die Geschichte der Indios, die Kolonialgeschichte der Spanier in Mittel- und Südamerika und ihre eigene Familiengeschichte. Alles hat miteinander zu tun.

Die Zeichnung ist ihr Medium zum Benennen, zum Begreifen, zum Verstehen und zum Befreien. Indem Sandra Vásquez de la Horra in ihren Zeichnungen scheinbar kleine Geschichten erzählt und mit Inskriptionen beschreibt, stellt sie sich der Geschichte ihres Vaterlandes, ihrer Vorfahren und ihrer eigenen. Sie arbeitet mit Bleistift, bisweilen Farbstift und Aquarell auf dickem Papier oder Zeichenkarton. Zur Vollendung taucht sie die Bildträger in ein Wachsbad und bestimmt diese besondere Materialität zu einem wichtigen Teil ihrer Bildaussage.

In einer Mischung aus präkolumbianischer  Körperhaftigkeit, naiver Figuration, surrealer Erzählstruktur und einem bisweilen obsessiven Detailreichtum kreiert die Künstlerin eine Welt aus Figuren, die symbolhaft, metaphorisch und mythologisch verstanden werden können und dennoch sehr nahe an der Realität sind.

Im Kontrast zu der konservierenden Weichheit des Wachspapieres stehen die vorherrschenden Themen: der Tod, die Familie, Paarbeziehungen und Sexualität. Und Vásquez de la Horra verbindet programmatisch christliche Themen mit indianischen, mit politischen, mit persönlichen und umgekehrt.

Welches Anliegen verfolgt die Künstlerin mit ihrer Kunst und warum versiegelt sie ihre gezeichneten Geschichten in Wachs? Sandra Vásquez de la Horra sucht, nach eigenen Worten, Heilung durch die Poesie ihrer Kunst. Als Wachsbilder sind ihre Geschichten durchscheinend und werden gleichsam zu wertvollen Objekten, sie tragen in ihrem Raum verschlossene Erinnerungen und sind transparente Zeugen einer persönlichen Ikonographie. Mit ihren Papierhäusern baut sie sogar ein neues Heim dafür auf.

Doch so persönlich diese Kunst im ersten Moment auch erscheinen mag, wir alle können sie verstehen. Uns allen steht ein unerforschtes kollektives Wissen zur Verfügung, ganz gleich, welche Kulturen es betrifft. Dieses versetzt uns in die Lage, Sandra Vásquez de la Horras Bildsprache zu folgen. Denn die Künstlerin trifft das „dem Menschen Mögliche“ in ihren Werken. Und das, was wir erkennen, können wir nicht als unbekannt und unerkannt abtun. Entweder wir versuchen wegzuschauen oder es macht uns betroffen. Unser und Vásquez de la Horras Trost bleibt indes, dass uns die Künstlerin auch Heilung verspricht, so wie sie selbst durch ihre Kunst Heilung sucht und findet.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog in Deutscher und Englischer Sprache.

Galerie

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